Wenn es zeitlich auch nur irgendwie möglich ist, lasse ich die Bilder einen Tag liegen. Dadurch gehe ich mit frischen Augen an die Sache. Eine weitere wichtige Sache ist emotionale Distanz zu den Fotos. Man neigt dazu, schlechte Fotos auszuwähöen, weil vielleicht der Produktionsaufwand groß war. Frei nach dem Motto "ich hab so viel Mühe investiert, dass Foto muss in die Auswahl".
Ich fotografiere nahezu ausschließlich Corporate und Industrie on location, daher kann meine Arbeitsweise nur bedingt auf Studiofotografie angewandt werden (meine Erfahrung)
Ich mache meistens drei Durchläufe:
1.) Sichten nach Ausschnitt und allgemeinem Eindruck
2.) Kontrolle der Auswahl auf Bildschärfe in 1:1 Ansicht
3.) Auswahl auf die besten Fotos weiter beschränken
Ich persönlich halte von einer Bildauswahl durch den Kunden überhaupt nichts. Die Öffentlichkeits-Mitarbeiter in Unternehmen haben selten wirklich Plan von Fotografie und suchen meiner Erfahrung Fotos selten nach für das Unternehmen wichtigen Gesichtspunkten aus (Imageförderung). Selbst Art-Directoren namhafter Agenturen haben mich schon oft mit einer völlig unrealistischen Vorstellung von Fotografie erschrocken. Auch habe ich schon erlebt, dass in Agenturen Praktikanten die Auswahl für Broschüren machen. Da fragt man sich auch, warum der Kunde tausende Euros in eine Produktion pumpt, wenn die Auswahl von einem Anfänger gemacht wird.
Das Problem ist neben dem nötigen Wissen auch meist die fehlende Software. Ich kenne Art-Direktoren, die öffnen alle Fotos einzeln in PS. Wenn ich 200 Bilder für eine Broschüre in PS sichten würde, hätte ich auch keinen Überblick mehr. Schlimmer sieht es in den Pressestellen vieler Unternehmen aus. Die haben meist noch nicht mal Photoshop und mit Windows Bordmitteln große Mengen Bilder zu sichten und danach dann auch die besten auszuwählen ist selbst für Fotografen ein unmögliches Unterfangen. Wer kann sich bitte daran erinnern, ob das Foto besser ist, als das was man 20 Nummern vorher angesehen hat.
Die Menge an Fotos, die ich dem Kunden zur Auswahl gebe, ist stark verwendungsabhängig. Arbeite ich mit einer Werbeagentur z.B. an einer Imagebroschüre für einen Kunden, so ist die Auswahl i.d.R. größer, damit die Agentur genügend Spielraum für das Layout hat. Manche Bilder sehen im Layout nicht gut aus und da sind Varianten immer hilfreich. Z.B. bei Portraits, Person links oder rechts im Bild kann im Layout einen riesigen Unterschied machen. Selten sind die Shotlists detailiiert genug, um das im Vorfeld 100% zu wissen. Fotografiere ich direkt für einen Kunden, bekommt er nur die Premium-Auswahl mit wenig Varianten. Je besser das Briefing vor dem Shooting, desto gezielter kann die Auswahl erfolgen.
Ich rate auch dringend davon ab, B-Ware in die Auswahl zu geben, nur um die Menge etwas anzuheben. Brief- und Siegel dass genau diese Bilder gewählt werden. Ist mir anfangs passiert. Nie wieder.
vor 1 year veröffentlicht
#